Workshop „Frauen in Haft. Historisch-politische Bildungsarbeit an ehemaligen Haftorten der SBZ und DDR“
Ort: Bundesstiftung zur Aufarbeitung der SED-Diktatur, Kronenstraße 5, 10117 Berlin
Datum: 27. April 2026
Veranstalter: Bundesstiftung zur Aufarbeitung der SED-Diktatur, Lernort Keibelstraße/Agentur für Bildung, Geschichte und Politik e.V., Leibniz-Zentrum für Zeithistorische Forschung Potsdam
Obwohl Frauen in SBZ und DDR einen nicht unerheblichen Anteil der Gefangenen stellten, wurde die Kategorie Geschlecht in Forschung und Vermittlung bislang häufig vernachlässigt. Der von der Bundesstiftung zur Aufarbeitung der SED-Diktatur, dem Lernort Keibelstraße und dem Leibniz-Zentrum für Zeithistorische Forschung Potsdam veranstaltete Workshop für Gedenkstätten an ehemaligen Haftorten setzt hier an: Er widmet sich der Frage, welche besonderen Erfahrungen weibliche Inhaftierte in SBZ und DDR machten und wie sich diese in der historisch-politischen Bildungsarbeit von Gedenkstätten und Lernorten widerspiegeln.
Sicherheitsbehörden in der SBZ und DDR stuften Devianz und Nonkonformität als potenziell systemgefährdend ein. Diese Zuordnungen trafen auch Frauen, wenn sie sich nicht gemäß den Vorstellungen der Staats- und Parteiführung der DDR und dem offiziell propagierten Frauenbild verhielten. Wer unangepasst lebte, als Jugendliche aus dem Elternhaus ausbrach oder sich nicht unterordnete, riskierte Repressionen oder Haft. Für diese jungen Frauen, aber auch die älteren, die konkret gegen die geltenden Gesetze verstießen, existierte auf dem Gebiet der DDR ein System verschiedener Haft- und Verwahrungsorte. Hinzu kamen sogenannte venerologische Stationen, in die Frauen mit Verdacht auf Geschlechtskrankheiten zwangsweise eingewiesen wurden und deren Aufenthalt faktisch einer Haft gleichkam. Der Blick auf diese Orte verdeutlicht, wie sich ein als Fürsorge deklarierter, tatsächlich aber disziplinierender Zugriff des DDR-Regimes mit bereits lange bestehenden gesellschaftlichen Normvorstellungen über weibliche Sexualität und Verhalten verband.
Mit der Eröffnung der Gedenkstätte Hoheneck ist erstmals ein ehemaliges Frauengefängnis als historischer Ort öffentlich zugänglich, der den Blick auf weibliche Häftlinge konzentriert. An vielen anderen Gedenkstätten und Lernorten zu ehemaligen Haftorten, in denen sowohl Frauen als auch Männer untergebracht waren, werden frauenspezifische Hafterfahrungen bislang meist nur am Rande thematisiert. Der Workshop geht von der These aus, dass ein geschlechtersensibler Blick auf Haft entscheidend zu einem differenzierten Verständnis von Geschlechterrollen und -bildern sowie den Herrschaftsmechanismen in der SBZ/SED-Diktatur beitragen kann – sowohl am konkreten Ort des Gefängnisses als auch darüber hinaus.
Der Workshop evaluiert, wie in der Bildungs- und Vermittlungsarbeit bislang die Geschlechterperspektive präsentiert wird und wie diese künftig eingebunden werden kann. Folgende Fragen dienen dabei als Diskussions-Leitlinien:
– Wie werden geschlechtsspezifische Haftbedingungen in der DDR und in sozialistischen Diktaturen insgesamt bislang dargestellt? Auf welche Weise findet das Thema Eingang in Ausstellungen und historische Bildungsarbeit? Welche Formate können als Best Practices gelten?
– In welcher Form werden die Perspektiven von Zeitzeuginnen in die Bildungs- und Vermittlungsarbeit integriert? Wie sind sie in die Gedenkstättenarbeit eingebunden und wie werden sie präsentiert?
– Welche besonderen Herausforderungen stellt das Thema „Frauen in Haft” an die historisch-politische Bildungsarbeit in den Gedenkstätten? Wo bestehen noch große Forschungs- und Vermittlungsdesiderate?
– Welche Lerneffekte ergeben sich aus der Praxis der NS-Gedenkstätten zu Frauen in Konzentrationslagern für die Thematisierung weiblicher Hafterfahrung in der der SBZ/DDR-Diktatur, auch im Hinblick auf Kontinuitäten und Brüche in den Haftstrukturen und -gründen?
Mittels Impulsvorträgen und interaktiven World-Café-Runden möchte der Workshop historische Bildnerinnen und Bildner, Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter von Gedenkstätten und Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler miteinander ins Gespräch bringen. Ziel ist es, das Thema „Frauen in Haft“ künftig sichtbarer zu machen, den aktuellen Wissensstand zu erweitern, neue Ansätze in der Vermittlungsarbeit zu diskutieren und bestehende Netzwerke zu stärken. Der Workshop möchte damit Impulse für eine Bildungsarbeit setzen, die männlich geprägte Erfahrungen und Erzählungen um bislang marginalisierte Perspektiven und Fragestellungen erweitert und so zu einem umfassenderen Verständnis von Haft in SBZ und DDR beiträg



